Die Reliquie des Heiligen Vitalis in der Ruprechtskirche
Knochen von Heiligen, winzige Stoffreste oder kunstvoll geschmückte Schreine: Reliquien gehören zu den faszinierendsten und zugleich am wenigsten verstandenen Traditionen der katholischen Kirche. Für manche sind sie wertvolle Glaubenszeugnisse, für andere wirken sie wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Doch hinter Reliquien verbirgt sich eine jahrhundertealte Kultur des Erinnerns und Verehrens. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel findet sich in der Wiener Ruprechtskirche: die außergewöhnliche Schrein-Reliquie des heiligen Vitalis, die seit dem 18. Jahrhundert dort aufbewahrt wird.
Ein besonderes Geschenk
Die Schrein-Reliquie des heiligen Vitalis gehört zu den bemerkenswertesten Schätzen der Wiener Ruprechtskirche. Im Jahr 1765 gelangte sie als Geschenk von Papst Clemens XIII. an Kaiserin Maria Theresia nach Wien. Die Kaiserin schenkte die Reliquie der Ruprechtskirche, wo sie bis heute aufbewahrt wird und von der lebendigen Glaubenstradition vergangener Jahrhunderte erzählt.
© Wikimedia Commons / Public Domain. Schloss Schönbrunn. Martin van Meytens. Ölgemälde Maria Theresia 1750/55
Die Reliquie des heiligen Vitalis wurde Maria Theresia nicht einfach als persönliches Geschenk aus Verehrung überreicht, sondern stand im Zusammenhang mit der damals üblichen Übertragung von Katakombenreliquien aus Rom an katholische Herrscherhäuser und Kirchen. Die Gebeine eines sogenannten Katakombenheiligen namens Vitalis kamen 1767 durch eine Stiftung Maria Theresias in die Wiener Ruprechtskirche.
© Hannes Ziegler/Ruprechtskirche
Die Ruprechtskirche am Ruprechtsplatz gilt als die älteste noch erhaltene Kirche Wiens. Zwischen modernen Lokalen und dem Trubel der Innenstadt wirkt das kleine Gotteshaus fast wie eine Zeitkapsel: Seine Wurzeln reichen bis ins Mittelalter, einige Bauteile stammen sogar aus dem 12. Jahrhundert. Besonders sehenswert sind die historischen Glasfenster und die ruhige Atmosphäre, die Besucherinnen und Besucher mitten in der Stadt für einen Moment durchatmen lässt.
© Carlo Pelagalli/ Basilica San Vitale
Der heilige Vitalis
Der heilige Vitalis zählt zu den frühen christlichen Märtyrern und wird vor allem in der italienischen Stadt Ravenna verehrt. Der Überlieferung nach setzte er sich mutig für seinen Glauben ein und nahm dafür Verfolgung und schließlich den Tod in Kauf.
Bis heute erinnert die berühmte Basilika San Vitale an sein Wirken und macht ihn zu einer wichtigen Gestalt der christlichen Tradition. In manchen Legenden wird er als römischer Soldat beschrieben. Deshalb wurde die Reliquie in der Barockzeit mit einem kostbaren Gewand ausgestattet, das die Kleidung eines römischen Legionärs nachbildet.
Ausdruck gelebten Glaubens
Die Reliquie ist reich geschmückt und mit kunstvollen Klosterarbeiten verziert. Auch eine Glasphiole gehört zur Ausstattung. Für die Menschen des Barock waren solche Darstellungen Ausdruck ihrer Verehrung der Heiligen und ihrer Hoffnung auf die Nähe Gottes. Die Gestaltung des Schreins zeigt eindrucksvoll, wie Glauben damals sichtbar und erfahrbar gemacht wurde.
Foto: © Stephan Doleschal, Erzdiözese Wien, Amt für Kunst und Denkmalpflege.
Forschung und Restaurierung
Im Jahr 2022 wurde die Reliquie im Rahmen eines Forschungsprojekts der Akademie der bildenden Künste untersucht. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden eine wichtige Grundlage für die laufenden Restaurierungsarbeiten.
Die Restaurierung erfolgt im Auftrag der Erzdiözese Wien. Die Schreinarchitektur wird von den Restauratoren Thomann & Golob, die Reliquie selbst von Macho-Biegler betreut. Ermöglicht wird das Projekt durch die Unterstützung des Bundesdenkmalamts, des Vereins zur Erhaltung der Ruprechtskirche sowie durch die für Kultur und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien.
Titelbild: © Erzdiözese Wien/Stephan Doleschal

