Als der Chor sein erstes Lied anstimmt, verstummt das Flüstern in den Kirchenreihen. Mehr und mehr Menschen steigen in den Gesang ein, getragen von den Rundbögen und hohen Decken nimmt er nach wenigen Sekunden den ganzen Raum ein. Jeden Sonntag feiert die englischsprachige afrikanische Gemeinde um 11:30 Uhr ihre Messe in der prächtigen Kirche Sankt Anton am Keplerplatz. Der Gottesdienst dauert rund eineinhalb Stunden, manchmal mehr, manchmal weniger. Zeit ist hier flexibel. Immer wieder tröpfeln Verspätete durch das schwere Kirchentor.
Es wird gesungen, geklatscht und getanzt. Der Chor, etwa 50 Mitglieder stark, probt am Vortag die Lieder für den Auftritt – rund 30 der Sängerinnen und Sänger begleiten wöchentlich die Messe. Vor dem Geschehen, am Altar, steht John Kambole Mbulu, Seelsorger der englischsprachigen afrikanischen Gemeinde, und predigt. Seit 39 Jahren gibt es die Gemeinschaft, die zwischen 300 und 400 Mitglieder zählt. 200 von ihnen kommen regelmäßig zur Sonntags messe. „Die meisten sind aus Nigeria“, erzählt uns der Priester nach der Messe. „Aber wir haben auch Besucherinnen und Besucher aus Kenia, Ghana, Kamerun, Tansania, Sambia, Gambia und Simbabwe.“ Länder, die am Mutterkontinent Afrika geografisch weit auseinanderliegen und doch hier, in Wien, zusammenfinden.
Auch Österreicherinnen und Österreicher feiern mit. „Es gibt viele interkulturelle Ehen“, so Mbulu. „Afrikanische Männer mit europäischen Frauen, afrikanische Frauen mit europäischen Partnern. Die Gemeinde ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein Ort der Verbindung.“ Diese Offen heit zeigt sich auch im Verhältnis zur österreichischen Pfarrgemeinde. Große Feste wie Ostern oder die Karwoche werden gemeinsam gefeiert. Gleichzeitig pflegt die Gemeinde ihre eigenen Formen. Es gibt Jugendtage, Muttertag im Mai, Vatertag im Juni – Feiern, bei denen sich die Gemeinschaft in ihrer ganzen Breite zeigt. „Wenn man zu diesen Veranstaltungen kommt, sieht man wirklich, wer wir sind“, lächelt Mbulu.
Nach der Messe verlagert sich das Geschehen nach draußen. Vor der Kirche entstehen Gruppenbilder, fast wie ein zweites Ritual: Frauen in farbenprächtigen, aufeinander abgestimmten Stoffen, rote Kopfbedeckungen, Männer in denselben Mustern. Dazu die Kinder, die zwischen den Erwachsenen stehen oder auf den Armen getragen werden. Sie reden, lachen, tauschen sich aus, manche haben noch etwas Gemeinsames vor. Normalerweise gibt es nach der Messe eine Agape, leider ist der Raum heute besetzt, deswegen fällt sie aus. „Bei der Agape gibt es Brot, Tee und afrikanische Speisen, die die Leute zuhause kochen“, erzählt Tochi, eine der Besucherinnen. „Jollof-Reis oder Fufu mit Suppe. Alle bringen etwas mit, wir essen zusammen, reden, bleiben oft bis in den Abend und dann – sehen wir uns nächste Woche wieder.“
Foto: Himmel & Erde © Tim Cavadini
Für den sambischen Priester John Kambole Mbulu ist Sprache der Schlüssel zum Glauben: Erst in der eigenen Muttersprache lassen sich Emotionen und Überzeugungen vollständig ausdrücken. Gleichzeitig versteht er die Kirche als bunten Ort kultureller Vielfalt, in dem unterschiedliche Sprachen und Traditionen zusammenkommen – offen für alle, unabhängig von Herkunft.
👉 Ein Interview mit Pfarrer John lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins Himmel & Erde (Pfingsten 2026), in dem auch dieser Text erstmals erschienen ist.
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