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Bruder Wal

Gott sei Dank Redaktion
Gott sei Dank Redaktion

Von gestrandeten Walen zur Verantwortung für die Schöpfung. Ein Gespräch mit dem Moraltheologen Michael Rosenberger
Interview: Andrea Harringer (Magazin Himmel & Erde)

Als der Buckelwal „Timmy“ Anfang März dieses Jahres in der Ostsee strandete, hielt nicht nur eine Küstenregion, sondern gefühlt ein ganzer Kontinent den Atem an. Tagelang bangten Menschen um das Tier und hofften darauf, dass es einen Weg zurück in die sichereren, tieferen Gewässer des Atlantik finden würde – wohl wissend, dass es kaum eine Chance gab, dass das auch tatsächlich passieren würde. Mehr als sechs Wochen und eine umstrittene Rettungsaktion später verendete Timmy vor der dänischen Insel Anholt, etwa 300 Kilometer nördlich des Ortes, an dem er erstmals gesichtet worden war. Was Meeresbiologinnen und -biologen schon von Anfang an gesagt hatten, nämlich, dass der Wal kaum eine Überlebenschance hat, war Gewissheit.
Timmy war im Jahr 2026 mit Sicherheit der „prominenteste“ Wal, der sich in Gewässer verirrte, die seinen Anforderungen an einen gesunden Lebensraum so gar nicht entsprachen. Der einzige war er bei weitem nicht. Vor ihm strandeten bereits im Februar mehrere Pottwale in der Nordsee vor der dänischen Küste. Auch sie starben dort innerhalb weniger Tage und auch ihr Schicksal bewegte die Menschen.
Was aber steckt hinter dieser so speziellen Anteilnahme, hinter dieser Wucht an öffentlichen Reaktionen? Was sagt das über unseren Umgang mit Natur und Tierwelt insgesamt aus? Und was zeigt das über unser Verhältnis und unsere Verantwortung der Schöpfung Gottes gegenüber? Darüber haben wir mit Michael Rosenberger, Universitätsprofessor für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz, gesprochen.

Das Schicksal der gestrandeten Pottwale im Februar an Dänemarks Küste und dann noch mehr jenes des Buckelwals, dem die Medien schnell den Namen Timmy gegeben haben, hat in diesem Jahr viele Menschen bewegt. Warum war das Ihrer Einschätzung nach so?

Wale sprechen uns Menschen besonders an. Es sind beeindruckende und auch respekteinflößende Tiere – vielleicht sogar ein bisschen unwirklich, weil sie trotz ihrer Größe und Masse so schwerelos und elegant durchs Wasser gleiten. Sie stehen mit diesen Attributen aber nicht nur für sich selbst, sondern sind ein Stück weit auch pars pro toto, also Teil für das Ganze der Meeresökologie und der Meerestiere. Denn gerade die besonders großen, faszinierenden Tiere sind immer die „Flaggschiffe“, wenn man so will. Wenn es darum geht, darauf aufmerksam zu machen, dass wir auf die Fauna in der afrikanischen Steppen achten müssen, dann sehen wir Löwen und Elefanten. Wenn es um die Weltmeere geht, sind es häufig Wale. 

Wale also als Botschafter der Meere und ihrer Bewohner und als Türöffner, um über den Schutz der Ozeane zu sprechen?

Ja, genau. Umweltschutz und Klimaschutz sind so wichtige Themen – da können wir gar nicht genug darüber sprechen. Tatsache ist aber, dass in Teilen der Gesellschaft eine gewisse Übersättigung feststellbar ist, was diese Themen betrifft. Ein bisschen überspitzt formuliert: Man will gar nicht mehr alles wissen. Das Schicksal eines Lebewesens bewegt dann aber doch, und mit Erzählungen zum Beispiel über den Wal kann man wichtige Botschaften transportieren oder komplexere Themen vermitteln. 

Wenn wir einmal bei den Walen bleiben: Mit welchen Problemen kämpfen diese imposanten Tiere heute besonders? Was macht ihnen das Leben schwer? 

Das sind leider eine ganze Reihe von Dingen: Zum einen gelangen immer mehr Schadstoffe ins Meer – Plastik und Mikroplastik, Pestizide, Schwermetalle wie Quecksilber, Industriechemikalien – und lagern sich dort ab. Zum anderen verändert sich der pH-Wert – die Ozeane werden saurer. Beides bringt das empfindliche Gleichgewicht der Meere zunehmend aus der Balance und erschwert das Leben der Wale.
Dann kommt der wahnsinnige Lärm durch die Schifffahrt dazu. Das ist für die Wale ein Riesenproblem, weil sie dadurch die Orientierung verlieren. Wale sind sehr stark auf akustische Signale angewiesen, und wenn dann die Schiffe Lärm machen, laut sind, dann hören sie die schlicht und ergreifend nicht. Man muss wissen, dass sich Lärm im Wasser anders fortpflanzt als in der Luft. Dieselbe Lärmquelle hat unter Wasser eine ganz andere Wirkung als außerhalb des Wassers. Letztendlich müssen wir, wenn es darum geht, was den Walen zu schaffen macht, auch über die Erwärmung der Weltmeere, die Meeresströmungen verändert, sprechen.
Und um den Gedanken von vorhin aufzugreifen: Das alles macht den Walen das Leben schwer, aber eben auch anderen Meeresbewohnern – Fischen, Schalentieren, also Muscheln, Krebsen.

Jetzt könnte man als Österreicherin oder Österreicher sagen: Die Wale, Muscheln und Krebse sind weit weg – warum gehen mich die etwas an? Was würden Sie darauf antworten? Warum darf es uns nicht egal sein, wie es den Meeresbewohnern geht?

Das ist ganz einfach: Unsere Welt ist ein großes Mosaik. Wenn wir einen Mosaikstein herausnehmen, dann beginnt das ganze Mosaik zu bröseln. Dann werden auch andere Mosaiksteine rausfallen. Das bedeutet, dass es kein einziges Tier auf dieser Welt gibt, das nicht gebraucht wird und dessen Fehlen den Gesamtzusammenhang des Lebens und damit auch unser Leben als Mensch nicht irgendwie beeinflussen würde. Jedes Tier ist auf bestimmte Nahrungsquellen angewiesen und ist gleichzeitig vielleicht selber wieder Nahrung für andere Tiere. Oder ein Tier geht eine Symbiose mit einem anderen ein. Das Mosaik des Lebens ist unglaublich komplex und selbst die klügsten Biologen wissen heute vielleicht ein Promille von dem, was wirklich abläuft. 99,9 Prozent sind gar nicht bekannt. Das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, denn eines ist ganz sicher: Wir brauchen alle Tiere – und genauso alle Pflanzen –, damit das Ökosystem funktioniert. Auch jene, von denen wir nicht – oder noch nicht – genau sagen können, welche Aufgabe sie im Ökosystem haben.


Buckelwal_ciStockFoto: © iStock

Theologisch formuliert ist Klima- und Umweltschutz Teil der Verantwortung für die Schöpfung. Haben gläubige Menschen also eine besondere Motivation, sich dafür einzusetzen?

Ich würde so sagen: Dass es wichtig ist, die Biodiversität – also die Vielfalt an Tieren und Pflanzen – zu schützen und zu fördern, das ist etwas, was man auch ohne christlichen Glauben einsehen kann. Das, was der Glaube dazu bringt und was mit dem Begriff Schöpfungsverantwortung angesprochen ist, ist noch ein weiterer Aspekt, nämlich: Wenn wir als Christinnen und Christen sagen, wir glauben, dass die Natur Schöpfung ist, also von einem Schöpfergott erschaffen ist und uns aus Liebe gegeben und anvertraut wurde und wir als Menschen aus Liebe dieses Schöpfergottes da hineingestellt worden sind, dann heißt das natürlich auch, dass die Schöpfung ein Geschenk ist. Und mit Geschenken geht man besonders sorgsam um. Wenn mir ein Freund zum Geburtstag etwas schenkt, dann werde ich das nicht am nächsten Tag in den Müll werfen, sondern in Ehren halten und immer wieder daran denken, dass mir das von meinem Freund geschenkt wurde. Und so würde ich das auch für die Schöpfung sagen: Sobald uns bewusst ist, dass der Schöpfer uns in dieses große Lebensnetz hineingestellt und hineingewoben hat, müssen wir geradezu ein Mehr an Dankbarkeit empfinden und ein Mehr an Achtsamkeit walten lassen, als wenn wir diesen Glauben nicht haben.

Warum empfinden wir dieses Mehr an Dankbarkeit und Mehr an Achtsamkeit zu wenig?

Vor etwa 250 Jahren, als die Technik immer größere Fortschritte brachte, verbreitete sich der Gedanke, dass im Grunde genommen alles rund um uns herum nur Ressource ist. Wenn ich jetzt sage: Ein Wal ist nur ­Ressource, dann denke ich nur an diesen Nutzen für mich. Einmal mehr, wenn dieser Gedanke stehen bleibt, ohne dass ihm widersprochen wird. Die Kirche im 18. Jahrhundert hätte da meiner Ansicht nach viel mehr widersprechen müssen, auch wenn sie diese neue technische Rationalität nicht hervorgebracht oder verursacht hatte. Die Gelegenheit, zu sagen, dass das so zu einfach gedacht ist und dass da etwas Wesentliches verloren geht und wir davon wieder wegmüssen, die hat sie verpasst. 

Die Kirche hat es damals verpasst, für die Schöpfungsverantwortung zu sprechen. Tut sie es jetzt? 

Zumindest beginnt sie. Ich würde aber sagen, dass sie noch deutlicher werden muss. Aber wenn ich zum Beispiel an Papst Franziskus und seine Enzyklika Laudato Si’ denke: Das ist ein sehr klares Signal. Ich würde mir wünschen, dass Bischöfe, dass Priester, Pastoralassistentinnen und -assistenten und so weiter sich noch viel stärker darauf beziehen würden. Aber grundsätzlich merken wir in den letzten Jahren als Kirche allmählich, dass wir da etwas zu tun haben und dass wir in eine neue Richtung gehen müssen in unserer Verkündigung. Da müssen jetzt natürlich auch Taten folgen. Damit schaut es derzeit noch schlechter aus. Es gibt zwar Klöster, Ordensgemeinschaften, die schon Beeindruckendes leisten, aber es muss noch viel mehr getan werden. 

Haben wir es verlernt, Verantwortung in diesem Bereich und in unserer unmittelbaren Umgebung wahrzunehmen beziehungsweise vielleicht sogar zu sehen, dass wir da eine Verantwortung haben?

Also bis vor 150 Jahren hat der Mensch die Natur ja nicht wirklich zerstören können. Ja, lokal schon. Wir kennen auch schon aus der Antike, aus dem Mittelalter großflächige Waldabholzungen, die dann dazu führten, dass sich Muren bilden, dass es Bergstürze gab und so weiter. Wir kennen die Vergiftung von Flüssen durch die Wollfärber und andere Berufe, die im Mittelalter da waren. Diese lokalen Umweltprobleme hat es schon gegeben. Aber globale Umweltprobleme sind ein Phänomen der letzten 150 Jahre. Und so richtig dramatisch ist es in den letzten 80 Jahren geworden. Ich glaube, da fehlt uns noch die Erfahrung, entsprechend damit umzugehen. Insofern, ja, müssen wir es wohl wieder lernen, dass wir Verantwortung haben. Und wir sollten es schnell tun. Zu viel Zeit sollten wir uns nicht nehmen.

Angesichts dieser großen Umweltprobleme, mit denen wir konfrontiert sind, welche Botschaft der Hoffnung hat der Glaube da? Beziehungsweise: Hat er überhaupt eine Botschaft der Hoffnung?

Ja, das würde ich schon sagen. Wir müssen uns aber klarmachen, was Hoffnung ist. Ich halte es mit dem früheren tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, der gesagt hat, Hoffnung ist nicht Optimismus. Optimismus ist eine Prognose, dass es morgen besser wird als heute, dass sich die Probleme lösen lassen. Hoffnung ist keine Prognose auf die Zukunft, sondern Hoffnung ist eine innere Kraft, die ich habe und die mir sagt: Das, was du tust, ist richtig, ist sinnvoll, egal, ob es Erfolg hat oder keinen Erfolg hat. Also, Hoffnung ist vom Erfolgsdenken unabhängig. 
Und diese so definierte Hoffnung gründet für mich einfach in Momenten, wo ich in der Natur Tieren und Pflanzen begegne. Etwa wenn ich irgendwo auf einer Waldlichtung sitze und es sind Tiere da, die sich irgendwann nach einer gewissen Zeit nicht mehr daran stören, dass ich dasitze, die nicht mehr davonfliegen, nicht mehr davonrennen, sondern die einfach weiter tun, als wäre ich nicht da. Für mich ist das ein Zeichen des Verbunden-Seins mit der Schöpfung, und da zu spüren, ich bin in diesem größeren Ganzen einfach gut aufgehoben, das ist für mich eine starke Hoffnungsquelle.

Sie sagen, Hoffnung ist vom Erfolgsdenken unabhängig. Wie geht das mit unserer Gesellschaft zusammen, die sich so sehr über Erfolg und Leistung definiert?

Schwierig, aber wir werden uns in unserem eigensten Interesse darum bemühen müssen, nicht alles über Erfolg und Leistung zu definieren – was beides oft mit Hektik und Stress verbunden ist – sondern auch wieder Ruhe und Frieden zu finden. In uns. Papst Franziskus spricht in seiner Enzyklika ausdrücklich von einem kontemplativen Lebensstil, den wir brauchen. Kontemplativ meint dabei ein achtsames und bewusstes Sein im Hier und Jetzt. Also in diesem Zusammenhang ein Lebensstil, in dem wir der Natur Zeit lassen, sich zu zeigen, um in diese tiefe Verbundenheit mit der Schöpfung rund um uns herum zu kommen. Und ein schöner Gedanke für gläubige oder Gott-suchende Menschen in diesem Zusammenhang: Kontemplation ist immer auch ein Schlüssel zur Gotteserfahrung. Also Kontemplation mitten in der Natur erfahren und im Naturerleben dann den Schöpfer selber wahrnehmen. 

Foto © Suzy StöcklMichael Rosenberger ist katholischer Priester und Moraltheologe an der Katholischen Privat-Universität Linz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Schöpfungs-, Umwelt- und Tierethik. Er war 21 Jahre Umweltsprecher der Diözese Linz und legte sein Amt im Vorjahr zurück. Er protestierte damit gegen eine Entscheidung für ein Waldnutzungsprojekt der Kirche, das Rosenberger gerne als erste Waldweide Österreichs umgestalten wollte.
(Foto © Suzy Stöckl)

Dieses Interview erscheint erstmals in der Herbst-Ausgabe 2026 des Magazins Himmel & Erde – ein sympathischer Begleiter für alle auf Entdeckungsreise im Glauben. 

 

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